Präambel

Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird der Deutsche Katholikentag „klimaneutral“ gestaltet. Dahinter steht der Gedanke, dass die gefährliche menschengemachte Beeinflussung des Weltklimas keine Naturkatastrophe, kein unabwendbares Schicksal, sondern „eine massive Ungerechtigkeit“ darstellt, „die bestehendes Unrecht noch verschärft“ (Die deutschen Bischöfe: Der Klimawandel: Brennpunkt globaler, intergenerationeller und ökologischer Gerechtigkeit, Nr. 39). Insofern ist der Klimawandel ein „Zeichen der Zeit, das den Glauben an Gott als Schöpfer und Erlöser nicht unberührt lässt“ (Nr. 5). Gott ist der bleibende Eigentümer seiner Schöpfung. Sie ist eine Leihgabe, mit der wir pfleglich und schonend umzugehen haben.

Der jüngste Bericht des Weltklimarates IPCC hat in aller Deutlichkeit gezeigt, dass der Mensch durch den Ausstoß von Treibhausgasen und die großflächige Vernichtung von Wäldern die Konzentration dieser Gase in der Atmosphäre in einer bedenklichen Weise erhöht. Dies führt zu einem Anstieg der globalen durchschnittlichen Temperatur - mit schwerwiegenden Auswirkungen für das Leben und die Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen. Wenn nicht rasch einschneidende Maßnahmen ergriffen werden, werden die Folgen nicht mehr zu bewältigen und die Kosten nicht mehr zu schultern sein. „Die Zeit drängt.“ (Nr. 3)

Dabei sind die Lasten der Klimaveränderungen höchst ungleich verteilt. Diejenigen, die am wenigsten oder gar nicht dazu beigetragen haben - die Armen, die nachrückenden Generationen sowie Fauna und Flora - werden am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. Dies kann uns als Christinnen und Christen nicht gleichgültig sein. Um der Würde des Menschen sowie des Eigenwerts der Natur willen besteht somit eine ethische Verpflichtung zum Handeln, das heißt zur Minderung der Emissionen, zum Stopp der Waldvernichtung sowie zur Unterstützung der Betroffenen bei der unvermeidlichen Anpassung an die Folgen des Klimawandels.

Nach dem Verursacherprinzip sind vor allem die Industrienationen in der Pflicht, ihre nicht nachhaltigen Produktions- und Konsumstile sowie insbesondere ihre „fossilen“ Entwicklungspfade zu verlassen. Deutschland gehört zu den zehn Hauptverursachern und trägt insofern eine besondere Verantwortung.
Auch die katholische Kirche unseres Landes muss in Solidarität mit den Opfern des Klimawandels, mit den nachrückenden Generationen und in Verantwortung gegenüber den bedrohten Lebenszusammenhängen der Schöpfung ihr Handeln als Konsumentin, Investorin und Ausrichterin von Veranstaltungen nachhaltiger gestalten. Großereignisse wie der diesjährige Katholikentag gehen mit einem hohen Ressourcen- und Energieverbrauch sowie mit der Erzeugung von Abfall und Emissionen einher und schädigen so das globale öffentliche Gut „Klima“.

Ein wichtiger Schritt ist deshalb, den Katholikentag „klimaneutral“ zu stellen. Das bedeutet, dass über ein zertifiziertes Ausgleichsprojekt, das sonst nicht zustande gekommen wäre, die errechneten unvermeidbaren Treibhausgas-Emissionen, die bei der Vorbereitung, Durchführung, bei der An- und Abreise sowie bei der Nachbereitung anfallen, ausgeglichen werden. Die Emissionen können zwar nicht ungeschehen gemacht, aber an anderer Stelle kompensiert werden. Denn aufgrund der relativ gleichmäßigen Verteilung der klimaschädigenden Gase rund um den Globus ist es unerheblich, wo deren Ausstoß vermieden wird.
Der Katholikentag unterstützt den Betrieb eines Biomasse-Kraftwerks in Chattisgarh, eine der ärmsten Regionen in Indien. Die Energie wird dort mit Hilfe einer neuen Technologie aus Reishülsen gewonnen. Mit dem Projekt kann der Bau eines herkömmlichen diesel- oder kohlebetriebenen und damit klimaschädlichen Kraftwerks verhindert werden. Zudem eröffnet es den Kleinbauern in der Umgebung eine zusätzliche Einnahmequelle, denn sie können ihr bisheriges Abfallprodukt Reishülsen nunmehr verkaufen.

Die Anstrengungen des Katholikentags in Richtung „Klimaneutralität“ sind darüber hinaus eingebettet in eine Fülle weiterer Umweltmaßnahmen, die unternommen werden, um der Schöpfungsverantwortung gerecht zu werden und die negativen Auswirkungen auf das Klima wie die Mitwelt möglichst gering zu halten. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass dieses Engagement ausstrahlt auf das gesamte kirchliche Handeln. Auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind eingeladen, sich durch eine klimaschonende Anreise und schöpfungsfreundliches Verhalten mit einzubringen. Denn Reduzieren kommt vor Kompensieren.
Denn „angesichts der Dringlichkeit der Probleme“ darf die katholische Kirche, dürfen auch unsere Gemeinden, Verwaltungen, Verbände und Einrichtungen, dürfen auch die Einzelnen nicht länger „hinter dem Möglichen und Notwendigen“ zurückbleiben (Nr. 59). Darum gilt es auf allen Ebenen kirchlichen Handelns, Schritt für Schritt dem Leitbild Klimaneutralität und Nachhaltigkeit näher zu kommen.

Eine ganze Reihe von kirchlichen Einrichtungen hat gezeigt, dass dies möglich ist. Dieses praktische Zeugnis ist um der Betroffenen wie um der eigenen Glaubwürdigkeit willen unverzichtbar. Ebenso wichtig ist es, den jetzigen und künftigen Opfern, deren Rechte durch den Klimawandel verletzt werden, die aber ihre berechtigten Ansprüche nicht selbst einlösen können, in den politischen Auseinandersetzungen eine Stimme zu geben.

„ Klimaschutz ist eine unaufschiebbare Aufgabe zur globalen Sicherung menschenwürdiger Existenz und zum Schutz der natürlichen Ökosysteme.“ (Nr. 2) Es geht um nichts weniger als die Gefährdung wesentlicher Lebensgrundlagen der jetzt lebenden und der kommenden Generationen - sowie zahlloser Tiere und Pflanzen, in denen Christinnen und Christen ebenfalls Geschöpfe Gottes sehen.

Der „klimaneutrale“ Katholikentag Osnabrück 2008 ist ein wichtiger, aber nur ein kleiner Schritt. Ihm müssen weitere folgen.

Prof. Dr. Andreas Lienkamp

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